Buchanfang

Vorwort: Wenn ein Satz wartet

Es gibt Beziehungen, die an grossen Fragen sichtbar werden: Wo wollen wir leben? Was wünschen wir uns? Was trägt uns, wenn sich etwas verändert? Und es gibt Beziehungen, die sich zunächst an viel kleineren Dingen zeigen. An einem Telefon, das dreimal vibriert. An einer Frage, auf die nur ein „mhm“ folgt. An einem Kalendertermin, der mehr bedeutet, als er sollte. An einem Ladekabel, das ausgerechnet zwischen Suppenteller und Brotkorb liegt und sich benimmt, als hätte es dort einen Mietvertrag. Von solchen Dingen erzählt dieser Band. Jule und Malik sind kein Beispiel dafür, wie „Frauen“ und „Männer“ kommunizieren. Jule ist Jule: Foto editorin, Gartenorganisatorin, Beobachterin von Nuancen und Besitzerin eines Kopfes, der aus offenen Nachrichten gelegentlich ganze Flure baut. Malik ist Malik: Bibliotheksreferent, Fahrradfreund, geduldiger Zuhörer und jemand, der nach einem Tag voller Menschen manchmal erst wieder Wörter finden muss. Beide haben ihre Gründe. Beide haben ihre Eigenheiten. Und beide sind einander nicht immer im richtigen Moment zugänglich. Das Telefon ist dabei weder Schurke noch Held. Es kann eine Nachricht von einer Schwester bringen, einen Arbeitsauftrag, einen Fahrradchat, eine schlechte Mitteilung oder einen kleinen Rückzugsraum. Ein Bildschirm wird erst dann zu einer Mauer, wenn niemand sagt, wer gerade auf welcher Seite steht und wie die Tür wieder aufgeht. Die Geschichten in diesem Band suchen deshalb nicht nach einer Regel, die alles löst. Sie fragen nicht, wer weniger online sein muss oder wer sich besser anpassen sollte. Sie interessieren sich für die Wirkung kleiner Unterbrechungen: Was geschieht, wenn ein Satz wartet? Was braucht eine Pause, damit sie nicht wie Rückzug aussieht? Wann darf ein Wunsch ausgesprochen werden, bevor er schon ein Plan ist? Und was bleibt, wenn ein Notfall keine Zeit für ideale Gespräche lässt? Jule und Malik finden darauf keine perfekten Antworten. Sie finden Sätze, die manchmal zu spät kommen, Listen, die nicht alles entscheiden, und Orte, an denen sie nach einem Missverständnis wieder anfangen können: einen Küchentisch, ein Gartentor, eine Bank vor der Bibliothek, eine alte Schale mit abgeplatztem Rand. Auch Herr Bartholomäus, ein Topf mit Schnurrbart und sehr klaren Standards, hat seine Meinung dazu, obwohl er selten offiziell gefragt wird. Vielleicht erkennen Sie in manchen Szenen etwas Eigenes wieder. Nicht unbedingt die Figuren oder die Gegenstände. Eher den Moment, in dem ein Gespräch kurz aus der Hand gleitet. Den Impuls, eine Antwort sofort zu brauchen oder sie aufzuschieben. Die mühsame, kleine Kunst, nach einer Unterbrechung nicht Recht zu behalten, sondern wieder anzukommen. Dieser Band will keine Diagnose stellen und keine Beziehung bewerten. Er lädt dazu ein, genauer hinzu sehen: auf die eigenen Schutzbewegungen, auf die Wünsche unter den Aufgabenlisten und auf die Wege zurück, die zwei Menschen miteinander finden können.

Denn Nähe beginnt nicht dort, wo nie etwas dazwischenkommt. Sie beginnt dort, wo beide wissen, dass ein offener Satz noch einen Platz haben darf.

Zur Lesereise

Dieser Band folgt Jule und Malik im Hauptweg von einem unterbrochenen Satz am Esstisch über eine berufliche Zukunftsfrage bis zu den Krisen, die Jahre später ihren gemeinsamen Ort betreffen. Die Szenen lesen sich bewusst nicht wie ein Regelwerk. Sie zeigen zwei individuelle Menschen, die nicht immer gleichzeitig bereit, klar oder mutig sind – und die trotzdem nach Wegen suchen, wieder ansprechbar zu werden. Im hinteren Teil stehen zwei Varianten. Der Leipzig-Gegenentwurf verschiebt den Wendepunkt zu Malik; das alternative Ende lässt Wohnung, Bremen und Zukunft bewusst offen. Beide Texte sind Möglichkeiten der Geschichte, keine zusätzlich gleichzeitig geltenden Ereignisse. Der Reflexionsanhang lädt dazu ein, die Erzählung noch einmal aus Distanz zu betrachten. Er beschreibt keine Diagnose und gibt keine fertigen Rezepte. Vielleicht bleiben nach dem Lesen eher Fragen als Lösungen: Welcher Satz wartet in einer eigenen Beziehung gerade? Welche Pause braucht einen Rückweg? Und welcher Wunsch darf sichtbar werden, bevor er schon zu einem Plan geworden ist?

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